«Lesen ist das Wichtigste!»

Christl Göth, die Verantwortliche für den Winterthurer Lesesommer, im Gespräch über die Lesefreude der Winterthurer Kinder und Jugendlichen, neue Medien und die Konkurrenz für das Lesen. Von Marion Eberhard.

Der 10. Winterthurer Lesesommer ist Geschichte, von 2421 Kindern haben 1457 Kinder bis zum Schluss am Wettbewerb mitgemacht. Was sagt das aus über das Leseverhalten der Winterthurer Kinder?
Christl Göth:
Ich sehe, dass das Leseverhalten stabil ist und der Rücklauf jedes Mal bei etwa 60 Prozent liegt. Die Kinder haben dieses Jahr fleissig und regelmässig gelesen. Man sieht auch, dass es den einen leichter fällt und dass andere es sich wirklich erarbeiten mussten – die einen haben an fast jedem Tag ein Kreuzchen gemacht, bei anderen gab es genau 30 Kreuzchen, man musste sie genau zusammenzählen.

Lesen die teilnehmenden Kinder freiwillig oder stecken da die Eltern dahinter?
Göth:
Es gibt natürlich Familien, in denen das Lesen klar unterstützt und gefördert wird und andere, wo sich die Kinder selber motivieren müssen, um mitzumachen. Jene erreichen wir entweder durch die Preise, die es zu gewinnen gibt, oder weil ihre Gspänli mitmachen. Aber diese Kinder haben dann niemanden im Hintergrund, der sie daran erinnert, den Lesepass auch zeitgerecht abzugeben. Sie müssen da viel mehr Arbeit leisten.

Was haben denn jene Kinder vom Lesesommer, die keinen Preis gewonnen haben?
Göth: Lesen ist stark eine Frage der Gewöhnung. Das ist auch die Idee des Lesesommers: Dass die Kinder merken, dass das Lesen durch Übung leichter geht und dass man Freude am Lesen empfinden kann, wenns einem geläufiger wird. Untersuchungen zeigen, dass es rein hirntechnisch bis zu einem Alter von etwa 14 oder 15 Jahren möglich ist, die Freude am Lesen zu entdecken. Wer bis dahin nicht erlebt hat, dass einen Geschichten richtig hineinziehen können, wird in seinem Leben wohl eher lesen müssen statt lesen wollen.

Im Zusammenhang mit dem Lesesommer haben Sie den Ausspruch gemacht: «Lesen ist das Wichtigste». Reden wir da vom Bücher-Lesen oder vom Lesen-Können überhaupt?
Göth:
Das Lesen ist natürlich als Kulturtechnik sehr wichtig, weil man es im ganzen Leben braucht und weil es die Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben erst ermöglicht und beruflich notwendig ist. Je geläufiger einem das Lesen ist, desto besser kann man sich vom rein technischen Vorgang – also die Buchstaben erkennen und Wörter bilden – mit dem Inhalt beschäftigen.
Aber Lesen bringt natürlich auch Entspannung; das Abtauchen in eine andere Welt ist eine sehr positive Erfahrung. Lesen tut einfach gut. Und: Durch das Lesen lernen Kinder, sich in andere hineinzuversetzen, die Empathie wird gefördert.

Wie können Eltern ihre Kinder beim Lesen(lernen) unterstützen?
Göth: Natürlich spielen die Eltern als Vorbilder eine grosse Rolle. Es gibt aber auch Eltern, die selber den Moment für den Einstieg verpasst haben, ihre Kinder aber gerne motivieren möchten. Da ist es sicher gut, Interesse zu zeigen an dem, was die Kinder von der Schule her lesen müssen. Sie können sich erzählen lassen, was ihnen an einem Buch gefällt oder sich vorlesen lassen. Oder gemeinsam in der Bibliothek nach geeigneten Büchern suchen und das Lesen zu einem Thema innerhalb der Familie machen.

Das Buch wurde mit dem Aufkommen der neuen Medien immer wieder totgesagt. Beobachten Sie einen Rückgang des Buchkonsums bei den Winterthurer Kindern?
Göth:
Nein, die Kinderbuch-Ausleihen sind ziemlich stabil über die letzten zehn oder fünfzehn Jahre. Andere Bereiche gehen zurück, aber nicht die Kinderbücher. Das Buch ist natürlich einfacher zu bedienen als ein E-Book, man sieht besser, wie viel man schon gelesen hat. Was die anderen Medien betrifft ­- früher gab es andere Games wie etwa den Gameboy, das ist ja nicht neu. Was ich nach 18 Jahren Lesesommer sagen kann: Die Kinder haben allgemein viel mehr Freizeitaktivitäten heute und sind viel stärker verplant. Sport, Förderkurse, Musik – sie haben viel weniger Leerzeiten als noch vor 20 Jahren. Es sind weniger die neuen Medien, die dem Lesen Konkurrenz machen, sondern vielmehr die durchgetaktete Freizeitgestaltung.

Christl Göth ist Leiterin Marketing / Öffentlichkeitsarbeit der Winterthurer Bibliotheken und stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek Winterthur.

Marion Eberhard hat Kinderthur.ch aufgbaut und lebt mit ihrer Familie in Winterthur. Sie arbeitet als Korrektorin, Journalistin und Texterin in ihrem Winterthurer Textbüro Textundwort.

 

 

 

By | 2017-09-11T18:42:30+00:00 September 1st, 2017|Spracherwerb und Leseförderung|0 Comments