Unsere Lösungsanleitung und ihre Hintergründe: Wie kommt man auf die Idee, selber eine Lösungsanleitung für den Rubik’s Cube zu schreiben und zu zeichnen? Und was ist das Tolle daran, den Zauberwürfel zu knacken? Im Interview gibt es Antworten von einem, der es wissen muss: Der Mathelehrer André Schwander ist dem Würfelfieber erlegen und möchte viele Menschen für das Würfeln begeistern. Weil der Zauberwürfel so vieles bietet: vom Lernen fürs Leben über intensive Glücksgefühle bis zur Mathemagie. Und: Die Lösungsanleitung findet ihr ab heute hier in Tranchen, jede Woche einen weiteren Schritt. Von Marion Eberhard

Hatten Sie als Kind einen Zauberwürfel – und konnten sie ihn lösen?
André Schwander: Ich hatte mehrere. Und ich habe sie immer mit den Zähnen aufgemacht, um sie wieder zu lösen. Die ersten beiden Ebenen habe ich dann irgendwann geschafft.

Ohne Anleitung?
Schwander: Ja. Ich hatte zwar von meiner Mutter ein Buch mit Anleitungen bekommen, aber die habe ich nicht verstanden.

Wie und warum sind Sie später wieder zum Würfeln mit dem Zauberwürfel gekommen?
Schwander: Meine damals siebenjährige Tochter hat mir einen grösseren Würfel als den originalen Rubik’s Cube, einen 4x4x4-Würfel, geschenkt. Da dachte ich, wenn meine Tochter mir das schenkt, muss ich ihn lösen können. Ich kann ja nicht ihr Geburtstagsgeschenkt verschmähen! Und ich wollte meinen Kindern auch zeigen, dass es sich lohnt, an etwas dran zu bleiben und dass man nicht einfach aufgeben soll, nur weil es etwas schwierig ist.

Und wie haben Sie ihn gelernt?
Schwander: Mit Anleitungen aus dem Internet. Ich habe solche auf Youtube und ausgedruckte ausprobiert. Youtube-Anleitungen passen mir nicht, weil ich ein analoger Mensch bin und kein Smartphone habe. Und es geht zu schnell mit den Videos: Ich kann die Züge nicht lernen, wenn ich nur kurz zuschauen kann und dann ist wieder fertig. Wenn ich sowas lernen möchte, muss ich die Bilder immer wieder nachschauen können. Also habe ich eine Anleitung mit Bildern und ganz wenig Text ausgedruckt und damit gearbeitet.

Und warum haben Sie nun selber eine Anleitung für den 3x3x3-Zauberwürfel gemacht? Dazu noch eine, die sicher mehr Text hat als diejenige, mit der Sie selber geübt haben?
Schwander: Weil ich merke, dass ihn viele gerne lösen könnten, aber die Hürde am Ende doch zu gross ist, auch mit Youtube. Im Schulunterricht ist man nicht immer online. Zudem sollen die Kinder üben, genau zu lesen. Viele von meinen Schülerinnen und Schülern lesen nicht genau: Sie machen in den Matheprüfungen immer wieder Fehler, weil sie die Aufgaben nicht genau lesen. Ich wollte eine Anleitung schreiben, weil das Strahlen der Kinder, wenn sie es geschafft haben, grossartig ist. Und weil sie es alleine schaffen können ohne Mrs Google oder Mr Youtube. Nur sie, der Würfel und ein paar Blätter Papier. Und es war ein Kinderheitstraum, einmal eine Anleitung zu haben, die ich verstehe.

Was unterscheidet Ihre Anleitung von all den tausenden von Anleitungen im Netz?
Schwander: Sie beginnt ganz am Anfang und erklärt auch kurz, wie der Würfel aufgebaut ist. Die anderen Anleitungen steigen erst viel später ein und nehmen vieles vorweg. Sie gehen davon aus, dass die erste Ebene jeder alleine lösen kann und schliessen dadurch viele aus, die vielleicht am Anfang ein wenig mehr Mühe haben.

Für wen eignet sich Ihre Anleitung?
Schwander: Weil sie von vorne beginnt und nicht nur Bilder, sondern auch erklärenden Text beinhaltet, ist sie für Kinder sehr gut geeignet. Ich habe sie für meine Sek-Schülerinnen und -Schüler gschrieben, aber auch Primarschulkinder können mit der Anleitung arbeiten. Sie müssen einfach lesen können und je nach Alter auch etwas begleitet werden. Aktuell arbeitet in Winterthur eine 4. Klasse damit. Ein 13-jähriger Schüler von mir setzte sich drei Stunden mit der Anleitung hin, dann konnte er ihn lösen. Er hat mir gesagt, dass er sich wie ein König gefühlt habe, nachdem er ihn das erste Mal geschafft hatte.

Haben am Zauberwürfel vor allem die mathematisch begabten Kinder Freude?
Schwander: Nein. Er fasziniert die meisten Kinder auf die eine oder andere Weise. Und wichtig ist: Jede und jeder kann ihn lernen! Man muss nur dran bleiben. Ich gebe zu: Den Würfel lösen zu lernen ist mühsam und anstrengend. Ich hätte ihn mehr als einmal selber am liebsten gegen die Wand geworfen. Aber wir sollten unseren Kindern etwas zutrauen und zumuten!

Was ist der Mehrwert des Würfelns gegenüber anderen Spielen?
Schwander: Man muss konzentriert bleiben beim Lernen. Und das Üben des Würfels schult die Feinotorik und trainiert das räumliche Denken. Das ist sehr schwierig zu üben. Zudem bietet er eine gute Gelegenheit, ein paar Dinge fürs Leben zu lernen: Man braucht Geduld und Nerven, und man ärgert sich. Es geht nur langsam vorwärts, und man wird nicht sofort belohnt wie in den Computergames. Aber die Belohnung, wenn man ihn lösen kann, ist umso cooler! ‪Das Glücksgefühl bei mir und meinen Kindern war grösser, als wenn wir zwei  Wochen Ferien in Griechenland buchen. Man fühlt sich extrem gut, wenn man ihn das erste Mal geschafft hat. Und man kann ihn überallhin mitnehmen, genauso wie diese Anleitung. Es geht auch um Langlebigkeit, gerade in einer sehr schnellen und flüchtigen Welt. Und man kann sich bewegen beim Denken. Er ist wie ein Fidgetspinner für zappelige Finger.

Was macht für Sie die Faszination des Würfels aus?
Schwander: Er bietet sehr viele Möglichkeiten. Nachdem ich ihn lösen konnte, wurde es langweilig. Darum versuchte ich es einhändig. Am Anfang brach ich mir dabei fast die Finger, jetzt tun sie mir nicht einmal mehr weh. Faszinierend finde ich, dass mein Hirn dabei lernt, dass ich meine Finger auf eine andere Art bewegen kann. Manchmal spiele ich auch Spiele mit mir: Zum Beispiel versuche ich, zwei Steine auf einmal richtig zu setzen. Da muss ich mir ziemlich viel überlegen, weil es nach nur wenigen Zügen schon sehr schwierig werden kann. Wie diese Beispiele zeigen, kann man noch viel weiter gehen, als einfach den Würfel auswendig zu lernen, wenn man das will. Oder auf Geschwindigkeit üben. Oder auf andere Würfelformen übergehen.

Was bietet der Zauberwürfel sonst noch?
Schwander: Da ich ihn überall dabei habe, auch im Zug oder im Schwimmbad, komme ich über den Würfel immer wieder ins Gespräch mit fremden Menschen. Es ist sehr schön, zu beobachten, wie vor allem Kinder vom Würfel fasziniert sind. Und noch etwas: Es gibt über 43 Trillionen Möglichkeiten, wie jeder der 26 Steine liegen kann. Als Bild: Wenn man 43 Trillionen Rubikwürfel aufeinander schichten würde, ergäbe sich ein Turm, der weit über 200 Lichtjahre ins Weltall hineinragen würde. Als Info: Die mittlere Entfernung zwischen Erde und Mond beträgt rund 1,28 Lichtsekunden. Der Rubik’s Cube kam in den 80er-Jahren heraus, aber erst im Jahr 2010 wurde bewiesen, dass bei der richtigen Strategie nie mehr als 20 Züge notwendig sind, um ihn lösen zu können. Es ist so ein einfaches Ding, aber es stellt die Mathematiker auch heute noch vor Rätsel, weil der Würfel mathematisch hochkomplex ist. Er steckt voller Mathemagie und zeigt sehr schön, wie cool Mathe sein kann!

André Schwander ist Sekundarlehrer in Zürich und lebt mit seiner Familie in Winterthur. Zauberwürfel verschiedenster Art können im Würfelshop direkt bei ihm bestellt werden.