Schwierig ist es gerade mit der Corona-Krise, wir sind alle sehr gefordert. Die Welt steht Kopf, nichts ist mehr wie es war. Die Anspannung und Angst ist deutlich spürbar, bei mir selber und aber auch in der Gesellschaft. Fragen was passiert, wie geht es weiter, wie steht es um die Lieben, wo führt das alles hin, sind omnipräsent. Ein Hintergrund, der uns anders reagieren lässt als sonst. Als Familien rücken wir näher zusammen. Schule, Arbeiten, Freizeit finden eng begrenzt auf wenigen Quadratmetern statt. Da, wo vorher noch Räume, Abwechslung und andere Menschen waren, spielt sich alles nur noch mit den uns nahen Menschen ab. Diese Situation birgt Konfliktpotenzial in sich. Da können sich Bedürfnisse aneinanderreiben. Das fröhlich neugierige Spielen mit den Legos der Kinder, manchmal entsteht da auch Lärm, kommt beim Papi im Homeoffice gerade nicht gut an. Zusammen müssen wir überlegen, wer macht was, wann, was muss getan werden. Auch wir setzen uns heute Abend zusammen und machen einen Familienrat, um Anstehendes zu organisieren.

Die «Marte Meo»-Methode

Sicher haben Sie beim Titel gedacht, Marte Meo, was ist das, das habe ich noch nie gehört. Wörtlich heisst dieser Begriff «aus eigner Kraft». Es handelt sich um eine entwicklungsorientierte Kommunikationsmethode. Entwickelt hat sie Maria Aart, und sie wird in 50 Ländern in den unterschiedlichsten psychosozialen Gebieten angewendet. Bei dieser Methode steht nicht das Problem im Zentrum, sondern das, was gelingt und was im elterlichen Verhalten Türen öffnet und Lösungen aufzeigt.

Wir alle machen viel Gelingendes in unserem Erziehungsalltag. Oft nimmt man bei dieser Methode Filmmaterial zur Hilfe, wobei man sie natürlich auch ohne zu filmen anwenden kann. Per Film kann man diese intuitiv gelingenden Moment einfangen und zeigen, wie gut sie auf das Kind wirken. Das zu dieser Methode – nun zurück zum Hier und Jetzt.

Gerade in solchen anspruchsvollen, angespannten Situationen reagiert man anders als in entspannten Zeiten. Es ist vielleicht gerade vieles zu organisieren, man ist in Sorge und Anspannung, ob der Lohn noch kommt, die Anstellung bleibt und wie sich die gesundheitliche Situation weiterentwickelt. Die Marte-Methode hat einige hilfreiche Anregungen zu Fragen, wie man mit den Kindern Kräfte sparen oder was man tun kann, dass Situationen nicht so eskalieren.

Kräfte sparen

  • Oft machen wir in bester Absicht in der Begleitung zu viel und manchmal auch in zu hohem Tempo.
  • Die Aktivität auch jetzt in der Homeschooling-Situation sollte vor allem beim Kind liegen – nicht bei Ihnen!
  • Hilfe braucht es, aber wie viel soll es sein, damit das Kind den nächsten Lernschritt selber tun kann?
  • Hilfreich finde ich dieses Bild: um weniger zu tun auf die Hände zu sitzen oder sie zu verschränken.
  • Wenn Sie das getan haben, können Sie ruhig neben Ihrem Kind sitzen und ihm Aufmerksamkeit schenken.
  • Es ist gerade sehr anspruchsvoll in Ruhe in guter Stimmung zu sein. Hilfreich ist unter Umständen an einen schönen vergangenen oder zukünftigen Moment, zu denken.
  • Vielleicht gelingt es Ihnen bei diesem Gedanken Ihr Kind anzuschauen. Beobachten Sie wie das auf Ihr Kind wirkt.
  • Was hilft Ihnen gerade, Kraft zu schöpfen und bei Sich zu bleiben? Ist es ein Spaziergang, ein gutes Buch, tief einatmen und ausatmen, mit einer Freundin /Freund telefonieren, oder…..

Strukturen

Im Moment geht alles drunter und drüber. Ich selber bin gerade damit beschäftigt, in der Situation anzukommen. Vieles muss durchdacht und neu organisiert werden. Die Kinder bekommen Schulstoff und dieser muss bearbeitet werden. Der freien Spielzeit viel Raum zu geben, damit sich Kinder selbstwirksam und sich selber nah sein können, ist gerade in dieser schwierigen Zeit sehr wichtig. Das stärkt und kräftigt die Kinder. Vielleicht mag ihr Kind diese Zeit ganz für sich alleine oder geniesst in diesem Moment Ihre Nähe. Marte Meo nennt dies freie Situationen, dabei darf  die Initiative ganz beim Kind liegen. Wenn Sie mögen, sitzen Sie daneben, folgen aufmerksam und sagen urteils- und wertfrei, was das Kind tut. Ihr Kind fühlt sich so wahrgenommen und gestärkt.

Marte Meo unterscheidet freie und strukturierte Momente. In strukturierte Momenten gibt es Regeln und festen Strukturen mit vermittelnden Elementen; auch Homeschooling gehört dazu. Wichtig zu Beginn eines solchen Momentes ist, dass dem Kind klar ist, dass nun Vorgaben und eine Lernsequenz folgt. Anfangstöne wie «So», klare Planungen und Abmachungen von Abläufen geben dem Kind Orientierung. Die Anregungen unter «Kräfte sparen» können auch hier angewendet werden.

Gefühle begleiten

Auch für die Kinder ist die Anspannung spürbar in der Stimmung und auch in der Reaktion der Erwachsenen. Da liegt etwas in der Luft. Einiges ist für die Kinder verständlich, anderes können sie in ihrer Kinderwelt nicht erfassen. Das ist auch gut so. Damit die Gefühle, auch die schwierigen, Raum bekommen und verarbeitet werden können, ist es wichtig, dass man die Kinder darin begleitet. Das können wir, indem wir sie aufmerksam beobachten und dem was wir wahrnehmen urteils- und wertfrei Wörter geben. Das hilft dem Kind Wörter für seine Gefühle zu bekommen und sich mehr und mehr dazu zu äussern. Das Kind wird in seiner Selbstwahrnehmung gestärkt – eine wichtige Basis, um die eigenen Gefühle zu regulieren. Oft zeigen sich feine Nuancen von Gefühlregungen im Gesicht. Manchmal ist es ein feines Hochziehen der Mundwinkel das ein Lächeln andeutet oder die Augen des Kindes die beim Nachdenken nach oben wandern.

Was denken Sie, wie fühlt sich Ihr Kind im Moment, was erzählt Ihnen die Mimik Ihres Kindes?

Indem wir Eltern uns und unseren Gefühlen Wörter geben, lassen wir die Kinder an unseren Gefühlen teilhaben. Denn wir als Eltern sind interessante Sozialmodelle, ganz im Sinne von «Erziehen nützt sowieso nichts, denn sie machen einem doch alles nach» (Karl Valentin). Auch die schwierigen, angestrengten Gefühle dürfen für die Kinder sichtbar sein. Spüren tun die Kinder es sowieso.

Wie fühlen Sie Sich zurzeit?

Was tun, damit Situationen nicht eskalieren

In anspruchsvollen Situationen reiben sich Bedürfnisse aneinander und Situationen können eskalieren. Vielleicht kennen Sie diese Situation: Ihr Kind ist ganz vertieft beim Spielen. Das Mittagessen ist gekocht. Sie rufen Ihren Sohn: «Tobias, das Essen ist fertig». Das erste Mal ist ihre Stimme ruhig und freundlich. Bei jedem Mal werden sie lauter und auch wütender. Schon ziemlich aufgebracht und aufbrausend zitieren Sie nun ihren Sohn an den Tisch. Der versteht die Welt nicht mehr, denn gerade war er ganz weit weg auf seiner Burg und musste Eindringlinge abwehren. Das spielt sich natürlich in seiner Phantasie ab, aber für ihn ist es sehr real. Und nun eskaliert das Miteinander, Tobias schreit nur noch… beruhigen kann man ihn fast nicht mehr.

Falls Ihr Kind auf eine Anweisung nicht reagiert:

  • Suchen Sie seine Nähe und wiederholen Sie das Gesagte mit einer einladenden Stimme.
  • Berühren Sie das Kind sanft und geben Sie Ihrem Kind Ihre Informationen.
  • Oft ist hilfreich, das Kind beim Namen zu nennen, dann fühlt es sich angesprochen.
  • Der Handlung und Tätigkeit des Kindes urteils- und wertfrei Wörter geben. Oft hat dies den Effekt, dass Kinder von sich aus in Augenkontakt kommen. Das ist ein guter Moment, um Informationen zu vermitteln.
  • Äussern Sie Sich zu dem, was Sie tun, fühlen und was Sie vorhaben. So sind Sie für Ihr Kind vorsehbar und geben ihm einen Überblick und Struktur.
  • Auf Beziehungsmomente mit emotionaler Nähe achten, hilfreich kann Folgendes sein:  Das vom Kind Gesagte wiederholen, auch Spieltöne wie mmmh, aah, aha sind wichtige Ausdrücke von Gefühlen und geben dem Kind den Eindruck «ich werde wahrgenommen und gesehen».
  • Manchmal unterscheidet sich das Tempo von Eltern und Kindern. Es lohnt sich zu beobachten, wie viel Zeit Ihr Kind für sein Handeln braucht. Ganz im Sinne von: Hast du es eilig, so mache einen Umweg.

Beratungsangebote und weitere Informationen

Im folgenden einige kostenfreie allgemeine Angebote

Kathrin Berweger ist Mutter von zwei Kindern, Eltern-Bildnerin, Begabungsexpertin und «Marte Meo»-Therapeutin und bietet unter anderem die Elternkurse Hochbegabung / Hochsensibilität und Starke Eltern – starke Kinder an. Gerne unterstützt sie euch mit Elternberatungen oder einem Elterncoaching mit der entwicklungsorientierten «Marte Meo»-Methode. Aufgrund der aktuellen Situation und bis auf Weiteres per Telefon und online. Dieser Blog-Text ist zuerst auf ihrer Website artcoaching berweger erschienen.