Ich lag in meinem Bett kurz vor dem Einschlafen. Da tauchte in meinem Kopf die letzte Erinnerung an meinen Zwillingsbruder vor einem Jahr auf. Es war an unserem Geburtstag. Der wohl schlimmste Tag in meinem Leben. Die Erinnerung war fürchterlich, doch sie spielte sich jeden Abend vor meinen Augen ab.
Wir waren wieder 13 und wieder einmal gestorben. Miteinander liefen wir vom Traumleben zurück in unser Hauptleben. Wenn wir einschliefen, lebten wir wie immer zusammen ein ganzes Leben durch, von der Geburt bis zu unserem Tod. Danach ging es weiter in einen grellen Gang, wo wir zurück in unser Hauptleben gezogen wurden. Durch die dunkle, holzige Tür, welche sich auf der Seite des Gangs befand, traten wir nie. Sie war so unheimlich und wir hielten uns von ihr fern. Zudem gab es irgendeinen Sog, der uns jedes Mal zurück in unser Hauptleben zog, vorbei an der Tür mit einem goldenen Türknauf. Mein Bruder Lynx lief hinter mir und ich war schon fast wieder wach, da bemerkte ich, dass er nicht mehr hinter mir war. Ich sah nur noch eine seiner Locken hinter genau dieser geheimnisvollen Tür verschwinden, die wir nie betreten wollten.
Als ich aufwachte, lief ich etwas besorgt zu meinem Bruder. Er schlief neben mir in einem Einzelbett, das wie meines neben 30 anderen stand. Wir lebten schon seit ich denken kann in einem Waisenhaus in Rye und konnten nicht über unsere Fähigkeit, im Schlaf mehrere Leben zu führen, sprechen. Dieses eine Mal, war ich jedoch zu neugierig und war bereit das Risiko einzugehen, gehört zu werden. Als ich bei seinem Bett ankam, war Lynx immer noch nicht wach, also schlüpfte ich zu ihm unter die Decke und wartete. Die Minuten vergingen wie im Schneckentempo. Als ich zu ungeduldig wurde und aufstehen wollte, um mich bereit zu machen für den Tag, stiess ich mit meinen Füssen gegen meinen Bruder und bemerkte, dass er eiskalt war.
Plötzlich stellten sich meine Nackenhaare auf und es breitete sich ein ungutes Gefühl in meiner Magengrube aus. Als ich ihn genauer betrachtete, bemerkte ich, dass er beunruhigend reglos und zu bleich war. Ich war mir nicht sicher was los war, als sich alles anfing zu drehen und kurz darauf schwarz wurde.
Das nächste, woran ich mich erinnern konnte, war, als ich in meinem Bett aufgewacht bin. Vor mir sass eine Frau in Uniform, die mich besorgt anschaute. Als ich sie genauer betrachtete, fiel mir auf, dass sie ein Namensschild trug. Es stand in Blockbuchstaben darauf:
DEPUTY CHIEF CONSTABLE J.SMITH.
Smith wollte mir ein paar Fragen stellen über Lynx. Wann ich ihn zuletzt gesehen hatte und wie es ihm psychisch ging. Ich starrte sie verständnislos an. Ich fragte sie, wo Lynx denn sei. Anstatt mir eine Antwort zu geben, intensivierte sie ihr fake Lächeln noch ein bisschen und ignorierte meine Frage komplett. Sie sah mich weiterhin ungeduldig an. Da plötzlich fiel mir wieder ein, wie Lynx durch die Tür verschwunden war und danach so… tot ausgesehen hatte.
Als Smith bemerkte, dass ich ihr keine Antwort geben würde, winkte sie Madisol, die Leiterin des Waisenhauses, hinüber, schenkte mir noch ein gleichgültiges Lächeln und kehrte mir den Rücken zu, um sich mit einem anderen Polizisten zu beschäftigen. Madisol sah mir kurz ins Gesicht und bemerkte meine Verwirrung und Besorgnis um meinen Bruder. Sie erklärte mir, dass mein Bruder tot in seinem Bett aufgefunden worden war, jedoch ohne irgendwelche äusseren Verletzungen. Mich fand man bewusstlos auf dem Boden neben seinem Bett. Obwohl ich es bereits vermutet hatte, schien mein Leben in sich zusammenzubrechen. Ich konnte es nicht fassen. Mein Zwillingsbruder Lynx soll tot sein!
Ein paar Wochen später wurde Lynx Fall ungelöst ad Acta gelegt mit der Vermutung, dass mein Zwillingsbruder irgendeine Krankheit hatte, von der man nichts gewusst hatte.
Die aufsteigende Wut und Trauer zogen mich zurück in die jetzige Realität und zurück in mein Bett. Damals wie auch heute kann ich es den Behörden nicht abnehmen.
Ich habe es in meinen Gedanken schon so oft durchgespielt, was wohl alles geschehen würde, wenn ich Lynx durch die geheimnisvolle Tür folgen würde. Noch nie haben wir einen Geburtstag nicht zusammen gefeiert und Lynx fehlte mir unheimlich.
Ich hatte eh nichts mehr zu verlieren und beschloss, Lynx so nahe zu sein wie möglich. Ich beschloss, heute im Traumleben durch die Holztür gehen. Ich schlief ein und das ganze Leben, das ich durchlebte, ging unerträglich langsam vorbei. Als ich endlich starb, war die Tür schon ein paar Meter vor mir. Als ich sie genauer musterte, bemerkte ich erst ihre volle Pracht. Sie hatte sogar Schnitzereien im Türrahmen in Form von Efeublättern.
Ich trat wie mein Bruder Lynx auch durch die geheimnisvolle schwarze Tür. Ich kniff meine Augen zu in der Erwartung, dass ich Schmerzen oder irgendetwas anderes spüren würde. Es passierte nichts. Kein leichter Luftzug, keine beklemmenden Geräusche. Nur unheimliche Stille, durchbrochen durch den dumpfen Schlag der Tür, die hinter mir zufiel. Ich öffnete meine Fäuste, die ich unbewusst geballt hatte und öffnete meine haselnussbraunen Augen, nur um in die komplette Finsternis zu blicken. Ich hatte Zombies, Feuer, einen Raum voller Messer und Blut oder irgendetwas anderes Gefährliches oder Furchteinflössendes erwartet. Aber da war einfach nichts. Ich wischte mir meine schweissigen Handflächen an meinen olivgrünen Cargohosen ab und entschloss mich, mich auf die Suche nach dem Grund für den Tod meines Bruders zu machen.
Ich war überzeugt, dass er etwas mit dieser Tür und diesem Ort, an dem ich stand, zu tun hatte. Ich nahm einen zögernden Schritt nach vorn. Dann noch einen und noch einen dritten, da wurde der Ort, den ich jetzt als einen engen Gang mit vielen Abzweigungen erkennen konnte, mit Licht durchflutet. Es war kein gewöhnliches Licht. Es waren ganz viele Fäden in verschiedensten Farbtönen, die in der Luft schwebten. Sie leuchteten und erhellten die Finsternis.
Doch es waren keine Fäden, mit denen man häkeln würde, sondern mehr Linien aus etwas, das aussah, wie ich mir Feenstaub vorstellte. Ganz viele kleine Körner. Jeder Faden aus Körnern hatte eine Farbe. Es gab indigoblau, weinrot, neonpink, dunkelgrün, königsblau, schneeweiss, pastelpink, kobaldblau und Fäden in der Farbe von Bernstein. Man konnte jede Farbe, die man sich denken konnte, sehen. Die Feenstaub-Linien überkreuzten sich.
Jeder Faden zeigte einen Weg. Was ich vor mir sah, glich nichts, was ich in meinem Leben je gesehen hatte. Es war atemberaubend. Ich fragte mich, wohin ich gehen sollte, welchem Weg ich folgen sollte, da stach mir ein smaragdgrüner Weg ins Auge. Es war exakt dieselbe Farbe wie Lynx’s Augen. Unsere Augenfarbe war das Einzige, was an uns wirklich anders war. Unsere dunkelbraunen und gelockten Haare, unsere kleinen krummen Finger, unser Muttermal an unseren Kiefern und unsere Liebe für Chucks. Für Aussenstehende waren wir praktisch ein und dieselbe Person. Nur einmal als Mädchen und einmal als Junge.
Der smaragdgrüne Faden war eins zu eins dieselbe Farbe wie Lynx’s Augen und da ich keine andere Idee hatte, wohin ich gehen sollte, folgte ich dem grünen Feenstaub-Faden.
Er führte nach ein paar Metern nach rechts, dann bog er nach links ab und endete in einem breiten Gang mit Hunderten von Türen. Plötzlich übermannte mich der Drang, durch die siebte Tür auf der rechten Seite zu treten. Dass dann alles gut wäre, dass das Gefühl der Leere, das schon seit dem Tod meiner Eltern in meinem Brustkorb lebte und sich nur noch verdoppelt hatte seit Lynx’s Tod, verschwinden würde.
Ich atmete tief ein. Ein: eins, zwei, drei. Aus: eins, zwei, drei. Dann stiess ich die Tür auf. Man würde denken, nach der wunderschönen Dunkelheit mit dem Feenstaub, dass es wieder ein atemberaubender Ort wäre, aber im Gegenteil. Alles war grau und düster, doch als ich genauer hinblickte, konnte ich ein Dorf in der Ferne erkennen. Die Häuser waren wie der Himmel, das Gras und alles andere um mich herum grau.
Ich rannte zu den Häusern. Als ich bei der ersten Häuserreihe ankam, verfiel ich in ein gemächliches Gehen. Ich sah lange keine Menschenseele, bis ich eine Gestalt um die Ecke huschen sah. Ich folgte ihr möglichst unauffällig.
Da erblickte ich vier verschiedene Mädchen. Sie hatten alle aschfahle Haut, graue Kleider, graue Augen und ihre Haare sahen aus, als ob die Asche eines Feuers über ihre Köpfe geschüttet wurde. Sie flüsterten sich gegenseitig Sachen zu und zeigten auf mich. Ich schnappte ein paar Wörter auf und beim Wort «Lynx» horchte ich auf und lief zu den Mädchen. Ich schätzte sie so um die 13 Jahre alt.
Ich fragte sie: «Kennt ihr ihn? Wo ist er? Geht’s ihm gut?» Das eine Mädchen äusserte sich neugierig: «Du kennst ihn also? Wir dachten, du siehst ihm verblüffend ähnlich und du hast wie er Farbe. Niemand sonst hat hier Farbe.» Ein anderes Mädchen zog mich an meiner Hand und meinte: «Ich bring dich zu ihm!»
Sie führte mich bis in den Dorfkern, wo ein grosses, graues Haus stand, in das sie mich hineinführte. Es sah wie eine Bibliothek aus. Neben den Büchern gab es auch viele Sessel und Sofas. Alles auch grau. Und da, auf einem Sofa eingekuschelt, sass Lynx! Seine Haare waren zerzaust und er hatte ein Buch in der Hand. Als das Mädchen, das mich zu ihm geführt hatte, seinen Namen rief, bemerkte ich erst, dass ich wie erstarrt stehen geblieben war. Er drehte sich zu uns um und als er uns sah, flüsterte er mit Unglauben in der Stimme: «Bridget?» Er breitete seine Arme für mich aus. Ich flog in sie und hielt ihn so fest, dass ich überzeugt war, dass er nicht mehr atmen konnte. Ich bemerkte die heissen Tränen, die mir die Wangen hinunterliefen. Er hielt mich eine Armlänge von sich entfernt, um mich zu mustern. Ich habe einen grossen, nassen Fleck auf seinem Pullover hinterlassen, dort, wo ich mein Gesicht in seiner Schulter vergraben hatte.
Ich hatte so viele Fragen, doch stellte keine. Ich war im Moment einfach nur froh, meinen toten Zwilling wiederzuhaben. Mein Bruder zog mich wieder an sich und aufs Sofa. Die Mädchen waren verschwunden. Nach einem Moment der Stille fing Lynx an, mir alles zu erzählen. Er war durch die Tür getreten, ohne zu wissen warum. Als er die Lichter sah, lief er einfach darauf los. Er war wie ich von der siebten Tür angezogen worden. Natürlich war er auch ins Dorf gelaufen.
Die Leute hier hatten ihm erklärt, dass dieser Ort das Leben nach dem Tod war. Darum war alles grau. Alle Menschen hier blieben in dem Alter, in dem sie gestorben waren und man wurde dem Dorf seines Todesalters zugeteilt. Also waren alle Menschen in diesem Dorf 13. Ihm wurde erzählt, dass alle Jahrhunderte eine Person wie wir geboren wird, die Tausende von Leben führen konnte und manchmal trat die Person durch die Holztür, um das Leben nach dem Tod zu besuchen. Dadurch, dass wir nicht richtig gestorben sind, aber hier waren, waren wir tot in unserem Hauptleben. Darum waren wir die Einzigen, die farbig waren und nicht grau. Es gab nur einen Weg aus diesem düsteren Ort raus und wenn wir durch die Tür liefen, würden wir damit unsere Fähigkeiten aufgeben müssen.
Ich sah Lynx fassungslos an. Halb in der Erwartung, er würde es doch noch als Witz abtun. Doch er tat es nicht. Am Ende seiner Erklärung fügte er leise hinzu: «Ich würde so gerne wieder nach Hause, aber es hat sich bis jetzt so falsch angefühlt, meine Fähigkeiten, aufzugeben, obwohl du sie immer noch besitzt.» Ich nahm seine Hand in meine und sagte: «Wir können nach Hause. Mir sind unsere Fähigkeiten egal. Hauptsache ich habe dich wieder.»
Lynx verabschiedete sich von den wichtigsten Leuten, die er hier kennengelernt hatte, bevor wir uns auf den Weg zur Tür machten. Sie war dieselbe elegante Tür wie die im grellen Gang. Lynx sah mich an und fragte: «Bereit?» Ich nickte nur und wir stiessen die Tür auf. Als wir durchtraten, war es derselbe Gang wie der, den wir jedes Mal nach einem Traumleben durchschritten.
Als wir aufwachten und ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass ich dasselbe Pyjama anhatte wie in der Nacht, als Lynx starb. Als ich mich nach Lynx umsah, war er im Bett neben mir und grinste mich an und formte mit den Lippen: «Es hat funktioniert!» Als Madisol durch die Tür trat, bemerkte ich, dass sie eindeutig weniger graue Haare hatte als in meiner letzten Erinnerung. Das konnte nur etwas bedeuten:
Ich und Lynx waren wieder 13 Jahre alt wie am Morgen seines Todes, einfach mit der Erinnerung an alles, was passiert war in unserem Traumleben. Dieses kleine Detail hatte mein Zwilling wohl vergessen zu erwähnen.