Bild: magnific (ohne KI)

Schreiben mussten wir gestern, heute macht das die KI? So könnte man es sehen. Aber Schreiben ist eben nicht nur Schreiben. Dabei passiert ganz vieles, was wichtig ist: Wir lernen das Denken. Von Yvonne Ledermann, Lerne Gerne

Eine Aufgabe für die Schule: «Schreibe eine spannende Geschichte über eine unerwartete Begegnung.» Früher bedeutete das: nachdenken, Ideen sammeln, anfangen, wieder löschen, weiterschreiben. Heute reichen ein paar Sätze an ChatGPT und wenige Sekunden später steht da eine Geschichte. Da ist die Frage berechtigt: Warum soll ich noch lernen, einen guten Text zu schreiben, wenn KI das längst für mich kann Unsere Antwort: Gerade jetzt lohnt es sich!

Schreiben bedeutet denken

Bevor ein guter Text entsteht, passiert ziemlich viel im Kopf. Was möchte ich eigentlich sagen? Was ist wichtig? In welcher Reihenfolge? Wie begründe ich meine Meinung? Versteht jemand anderes, was ich meine?

Beim Schreiben müssen wir unsere Gedanken ordnen und in Worte fassen. Genau deshalb ist Schreiben viel mehr als Rechtschreibung und schöne Sätze. Es ist auch ein Training für unser Denken. Wer einen Aufsatz einfach von einer KI schreiben lässt, erhält vielleicht einen schönen Text. Die Denkarbeit hat aber jemand anderes erledigt. Aktuelle Forschung bestätigt genau dieses Problem: KI kann Schülerinnen und Schülern helfen, bessere Ergebnisse zu produzieren. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie dabei auch mehr lernen.

Wer gut schreiben kann, kann KI besser nutzen

KI liefert erstaunlich gute Texte. Aber eben nicht immer. Manchmal sind sie langweilig. Manchmal passen sie nicht zur Aufgabe. Manchmal klingen sie überzeugend und enthalten trotzdem Fehler. Deshalb entsteht eine ganz neue Fähigkeit: Nicht nur schreiben können, sondern Geschriebenes beurteilen können.

Ist diese Einleitung wirklich spannend? Ist das Argument überzeugend? Passt dieser Ausdruck? Fehlt etwas? Stimmt die Information überhaupt? Wer selbst weiss, wie ein guter Text funktioniert, kann auch viel besser beurteilen, was eine KI produziert. Genau dieses kritische Beurteilen von KI-Ergebnissen gehört heute zu den wichtigen Kompetenzen im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Deine Gedanken bleiben deine Gedanken

Stell dir vor, zwei Jugendliche geben einer KI dieselbe Aufgabe: «Schreibe einen Aufsatz über meinen schönsten Ferientag.» Die KI kann daraus zwei nette Texte machen. Aber sie weiss nicht, wie es sich angefühlt hat, als du vom Fünfmeterbrett gesprungen bist. Sie kennt nicht den Geruch bei deiner Grossmutter in der Küche. Und sie weiss nicht, warum du dich mit deinem besten Freund gestritten hast und ihr zehn Minuten später beide lachen musstet. Ein guter Text transportiert nicht nur Wörter. Er transportiert Gedanken, Beobachtungen, Erfahrungen und Persönlichkeit. Genau das macht Schreiben menschlich.

Schreiben wirst du weiterhin brauchen

Vielleicht werden wir in zehn Jahren deutlich weniger Texte komplett allein schreiben als heute. Trotzdem werden wir kommunizieren müssen. Eine Bewerbung. Eine Nachricht. Eine Präsentation. Eine Beschwerde. Eine Argumentation. Eine Idee für ein Projekt. Vielleicht hilft uns dabei eine KI. Aber was wir sagen wollen, müssen wir weiterhin selbst wissen. Die OECD bezeichnet Schreiben deshalb auch im Zeitalter von KI als wichtiges Werkzeug für Denken, Lernen, Ausdruck und Kommunikation.

Also: KI verbieten?

Nein. Wir finden, Kinder und Jugendliche sollten lernen, mit KI zu arbeiten, aber nicht das eigene Denken an sie abzugeben. KI kann zum Beispiel ein guter Sparringspartner sein: «Gib mir fünf Ideen für eine spannende Geschichte.»
«Welche Stelle in meinem Text ist noch unklar?»
«Finde drei Wiederholungen in meinem Aufsatz.»
«Stell mir Fragen, mit denen ich meine Geschichte spannender machen kann.»
Das ist etwas völlig anderes als: «Schreib mir diesen Aufsatz.» Richtig eingesetzt kann KI Lernen unterstützen. Entscheidend ist, dass sie zum Werkzeug für das eigenes Denken wird und nicht zu dessen Ersatz.

 

 

Schreiben lernen bei LerneGerne

Genau so möchten wir bei LerneGerne heute Aufsatztraining verstehen. Natürlich üben unsere Schülerinnen und Schüler weiterhin Wortschatz, Satzbau, Rechtschreibung, Aufbau und verschiedene Textsorten. Aber gutes Schreiben bedeutet für uns noch mehr: Ideen entwickeln. Gedanken ordnen. Eine eigene Stimme finden. Texte kritisch beurteilen. Überarbeiten. Und zunehmend auch lernen, KI sinnvoll und kritisch einzusetzen.

Denn die entscheidende Fähigkeit der Zukunft wird vielleicht nicht sein, jeden Text ganz ohne Hilfe zu schreiben. Viel wichtiger wird es sein, eigene Gedanken zu entwickeln, gute von schlechten Informationen zu unterscheiden und klar auszudrücken, was man sagen möchte. KI kann uns beim Schreiben helfen. Denken müssen wir weiterhin selbst.